Marzahn-Hellersdorf – Über das andere Berlin und seine Attraktionen

Szene aus Josef von Sternbergs Spielfilms

Marzahn-Hellersdorf ist der zehnte Verwaltungsbezirk Berlins und hat mit rund 250.000 Einwohnern schon für sich genommen Stadtformat. Dabei wurde Hellersdorf erst im Jahr 1986 als eigenständiger Verwaltungsbezirk aus Marzahn ausgegliedert und dann im Jahr 2001 doch wieder den Marzahnern zugeschlagen. Dennoch behauptet sich Hellersdorf heute noch im Bezirksnamen, anders als beispielsweise bei Lichtenberg, welches den Mitstreiter Hohenschönhausen namentlich einfach über die Klinge springen ließ.

Wie alle Barnim-Dörfer wurde auch Marzahn um das Jahr 1230 angelegt. Der Name leitet sich vom slawischen Wort marcana (Sumpf) ab. Denn die Wuhle, an deren Ufer die Siedler sich einst niederließen, tendierte zu Überschwemmungen. Bereits im Jahr 1300 wurde das Dorf im Zusammenhang mit dem Nonnenkloster Friedland im Jahr 1300 als „Mortzane“ aktenkundig. So dümpelte Marzahn friedlich durch die nächsten Jahrhunderte und durch wandelnde Staatsformen, bis …

SED-Einfluss

… der VIII. Parteitag der SED im Jahr 1971 mit einem Tusch beschloss, die Wohnungsfrage als soziales Problem bis 1990 zu lösen. Nicht weniger als die größte deutsche Neubausiedlung überhaupt entstand so zwischen der zweiten Hälfte der 1970er Jahre und dem Ende der 1980er Jahre rund um das alte Dorf, die taktisch durchgrünte Großwohnsiedlung Marzahn. Nicht schlecht für eine Stadt, die um das Jahr 1900 nur etwa 700 Seelen zählte.

Die meist elfgeschossigen Plattenbauten waren schnell errichtet. Funktional, schnörkellos und einförmig waren sie ein wenig der Sozialismus selbst. Ende 1978 waren bereits über 4000 Wohnungen entstanden, nach Entwürfen von Peter Schweizer und Heinz Graffunder. Der Architekturprofessor Graffunder mit dem Händchen fürs Praktische tat sich auch nach der Wende durch die Gestaltung von soliden Wohn- und Geschäftshäusern hervor. Vor den Palast der Republik wollte er eine vierstöckige Fassadenkopie des abgerissenen Schlosses setzen. Durch Glas und Stahlträger mit dem Palast verbunden, wären SED-Palast und Preußen Schloss zu einer sicher denkwürdigen Einheit verschmolzen. Das war schon eine tolle Idee, blieb allerdings auch nur eine.

Lifestyle und Laissez-faire

Aber auch das war Marzahn: Mahlsdorf, das „St. Moritz von Marzahn“, rangierte als ausgesprochen ruhiger und sehr grüner Fluchtpunkt in der Vorwende ganz oben in der Gunst der Ostberliner. Wer dort ein Haus oder auch nur eine eigene Laube hatte, konnte sich glücklich schätzen. Schließlich stand privates Glück im real existierenden Hauptstadtsozialismus höher im Kurs als Saisongemüse. Und auch das ließ sich im Rückzugsgebiet zwischen Wuhle und Spree praktischerweise hochziehen.

Lifestyle und Laissez-faire spielen heute keine große Rolle. Marzahn-Hellersdorf, das ist noch immer das andere Berlin: östlich geprägt, solide, geradeheraus . Anlässlich der geplanten Errichtung eines Asylbewerberheims in einer stillgelegten Schule schlugen erst unlängst die Wellen der Empörung hoch die Zahl der Gegendemonstranten war dennoch weitaus größer, viele von ihnen kamen auch aus dem Berliner Bezirk und hielten Willkommensgrüße in den Händen.

Bezirks-Attraktionen

Zum Schluss noch ein paar Bezirks-Attraktionen: An der Landsberger Allee Höhe schlägt dem Bezirk die wohl größte Uhr Europas die Stunde. Ein meisterliches Messwerk aus Licht, das an der Außenfassade des Pyramide-Hochhauses installiert ist: An der Westfassade des Hauptgebäudes befinden sich oben die Stunden- und Minutenanzeige in grünen Lichtleisten, den Sekundentakt liefert die pyramidenartige Glasfassade an der Nordseite in blauen Lichtleisten. Zur vollen Minute sendet die Spitze jeweils einen Lichtblitz aus. Schwer zu beschreiben, muss man gesehen haben.

Eine Augenweide sind auch die „Gärten der Welt“ im Erholungspark Marzahn am nördlichen Fuß des Kienbergs gelegen: Der Idee, es könnten sich im egalitären Arbeiter- und Bauernstaat nur die Bessergestellten Privatraum in bester Lage leisten, steuerte die SED knapp drei Jahre vor der Wende entgegen. Und so eröffneten anlässlich der 750-Jahr-Feier am 9. Mai 1987 die Gärten der Welt. Motto: Wir erholen euch alle! und zwar besser als der Westen. Denn jenseits der Mauer war wenig vorher der Britzer Garten als Ausgleich für den tristen Grenzbezirk Neukölln großzügig angelegt worden. Und so war der neidische Blick zum Klassenfeind ein Anstoß, dass die Marzahner ihre Oase der Sinne inmitten der Betonwüste bekamen. .